In der Schweiz und auch in der Region Cham sehen wir uns mit der Herausforderung konfrontiert, dass immer mehr Leute die begrenzten Verkehrswege nutzen wollen, was zwangsläufig zu «Dichtestress» respektive stockendem oder sogar stehendem Verkehr führt. Die reale, analoge Welt wird durch die Möglichkeiten der Digitalisierung von immer mehr Lebensbereichen ergänzt, unterstützt oder hoffentlich sogar vereinfacht. Ein Bereich, in welchem ich mir Unterstützung durch die Digitalisierung erhoffe, ist die Mobilität.

Um bei den Herausforderungen der Mobilität mindestens etwas Linderung zu schaffen, sehe ich drei Ansatzpunkte:

  1. Der Mensch: Unser Mobilitätsverhalten muss hinterfragt werden
  2. Die Software: Neue Technologien helfen
  3. Die Hardware: Die Verkehrswege selektiv ausbauen

Ansatz 1: Unser Mobilitätsverhalten

Bevor fantasievolle Konzepte erstellt werden,  sollten wir unser Mobilitätsverhalten generell, also lokal, regional und global kritisch hinterfragen. Müssen wir wirklich persönlich überall hin, wo wir uns jahrein, jahraus hin bewegen?

Berufsverkehr und Arbeitsverhalten

Ich bin grosse Teile meines Berufslebens zur Arbeit gependelt. Manchmal weiter, manchmal weniger weit. Mit dem Zug war es einigermassen in Ordnung, da die Züge ja sowieso fahren und man produktiv sein kann. Mit dem Auto ist es aber eigentlich eine Zeit- und Energieverschwendung. An und für sich möchte ich zu Fuss oder mit dem Velo zur Arbeit gehen können. Tagtäglich pendeln Tausende von Personen duzende von Kilometern zur Arbeit. Ich bin überzeugt, dass die meisten Leute eine gewisse Distanz bewusst in Kauf nehmen und vielleicht auch wollen. Je länger aber der Weg, desto grösser ist der Leidendruck und der Wunsch nach einer anderen Situation.

Im Bereich der Berufswelt muss ein Umdenken stattfinden. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist für mich die Dezentralisierung der Arbeitswelt. In einer Dienstleistungsgesellschaft sollen die Mitarbeiter vermehrt zeit- und ortsunabhängig arbeiten können und physische Präsenz ist nur in seltenen Fällen wirklich notwendig. Das Magazin „Bilanz“ zitiert in der August-Ausgabe eine Studie, welche davon ausgeht, dass die Hälfte der Schweizer Beschäftigen das Potential hätten, ortsungebunden zu arbeiten. Die Erwartung der Arbeitgeber, dass morgens um 8 Uhr alle in ihrem Büro ankommen und mit der Arbeit beginnen, ist ein Anachronismus und nicht mehr unbedingt zeitgemäss. Die starren Zeit- und Ortsvorstellungen der Arbeitgeber- und Nehmer stammen aus der Zeit der Industrialisierung, als die Arbeiter gleichzeitig an der Werkbank sein mussten, da die Arbeit in der Fertigung sequentiell abgestimmt war. Aber die Zeiten haben sich geändert. Erste Firmen haben bereits flexible Arbeitszeiten und dezentrale Desk-Sharing-Konzepte eingeführt. So wird der Verkehr einerseits entflochten, weil nicht mehr alle Berufstätigen zu gleichen Zeit unterwegs sind, und andererseits reduziert, weil schlichtweg nicht mehr so weite Strecken zurückgelegt werden müssen.

Freizeitverkehr

Der Freizeitverkehr verursacht selbstverständlich auch ein beträchtliches Verkehrsaufkommen, jedoch meist zeitlich versetzt mit dem Berufsverkehr. Je mehr Freizeit man hat, desto mehr ist man tendenziell auch unterwegs. Ansätze zu einer Reduktion der Verkehrsströme sind hier schwieriger zu finden, denn viele Freizeitaktivitäten sind ortsgebunden. Die Wanderung auf der Rigi oder der Tennis-Match mit dem Kollegen können – und sollen – nicht zu Hause im Büro oder der guten Stube stattfinden. Meine Einschätzung ist, dass der Freizeitverkehr eher nicht das Problem ist.

Ansatz 2: Software

Bevor mit der Infrastruktur die «Hardware» thematisiert wird, muss auf die «Software» (im wahrsten Sinne des Wortes) eingegangen.

Die Digitalisierung und generell neue Technologien können uns einerseits helfen, die bestehende Infrastruktur angebotsseitig effizienter anzubieten. Man kann «real time» oder in der Zukunft planen, wie man am schnellsten von A nach B kommt.

Andererseits erlaubt sie den Konsumenten, effektiver und effizienter mobil zu sein, indem beispielsweise bestehende Verkehrs- und Fahrplansysteme optimiert und auf einander abgestimmt werden, damit sie den Reisenden für eine bessere Reiseplanung ermöglichen.

Ein Beispiel dafür ist die Firma Uber, über deren Plattform auch Private (auch mit Minibussen) in Zukunft effiziente und rentabel Ride Sharing-Systeme anbieten können. Weitere solche Services werden entstehen, um insbesondere die «letzte Meile» zu bedienen. Generell heisst die Losung für die Zukunft wohl «Multi-modale Mobilität». Das heisst, wir werden, um eine Strecke zurückzulegen, verschiedene Mobilitätsformen benutzen. Selbstverständlich machen wir das heute schon, wenn wir mit dem Velo zum Bahnhof fahren, dort den Zug nehmen und dann am Zielort mit dem Bus zur Destination fahren. Zukünftig wird aber wohl die Abstimmung dieser drei «Modi» effizienter sein und – wie teilweise heute schon praktiziert – über Apps laufen.

Ansatz 3: Hardware

Der dritte Ansatzpunkt schliesslich ist die Anpassung der Verkehrs-«Hardware». Ich meine damit den Auf- oder Umbau des Wegnetzes und allfälliger Beförderungsmittel wie Bahnwagen oder Busse.

Für den kleinräumigen, regionalen Verkehr brauchen wir ein gutes Veloweg-Netz. Hier ist die Schweiz, der Kanton Zug und auch Cham auf einem guten Weg. Der Boom der Elektron-Velos sorgt für starken Rückenwind.

In Cham müssen wir beim «MIV» (motorisierter Individualverkehr) weg vom sternförmigen Verkehrskonzept – mit dem Raben- und dem Bären-Kreisel als Nukleus – hin zu netzartigen Strassen. Mit der Umfahrung Cham-Hünenberg machen wir einen wichtigen, grossen Schritt in diese Richtung. Der Verkehr aus den peripheren Lagen von Cham soll nicht weiter immer durch das Dorfzentrum geführt werden. Stattdessen sollen Tangenten wie die Umfahrung geschaffen und genutzt werden. Wir müssen uns im nördlichen Teil von Cham vermehrt gegen Norden ausrichten. Viele Hagendorner wählen heute schon den Weg über Knonau, wenn sie nach Zürich gehen.

Meine Haltung

Der Bau von neuen Verkehrswegen ist umstritten und kann und soll von mir aus auch erst ins Auge gefasst werden, wenn alle anderen technologischen, politischen und gesellschaftlichen Mittel ausgeschöpft sind, um die Verkehrsströme zu lindern. Der Erhalt unserer schönen Landschaft ist wichtig. Die Umfahrung Cham-Hünenberg wird hoffentlich eine gewisse Entlastung des Dorfzentrums bringen.

Andererseits kommt für mich auch ein Abbau oder eine Umnutzung von Verkehrswegen nicht in Frage, denn auch neue Verkehrsmittel wie Elektroautos, Elektrovelos oder autonome Busse brauchen eine geeignete Infrastruktur.

Zusammenfassung

  • Es ist an der Zeit, dass wir alle unser Mobilitätsverhalten einmal kritisch hinterfragen – auch aus ökologischen Gründen
  • Wir müssen neue Technologien nutzen, um die bestehende Infrastruktur effizienter zu nutzen und neuartige Mobilitätslösungen zu erschliessen.
  • In Cham: Vermehrte Nutzung von Tangenten und stärkere Orientierung nach Norden (wie dies mit der Verlängerung der Linie 42 geplant ist).

Join the discussion 4 Comments

  • Xaver Inglin sagt:

    Bezüglich Berufsverkehr und Arbeitsverhalten bietet http://www.villageoffice.ch einen spanneden Ansatz: tageweise im Gemeinschaftsbüro am Wohnort arbeiten und nicht jeden Tag pendeln. Das ist doch auch für Cham interessant und im Papieri-Areal könnte man ein deratiges Angebot umsetzen. Ich bin dabei. Was meinst du?

    • Arno Grüter sagt:

      Lieber Xavi
      Ja, das sind genau solche Ansätze. Eigentlich sollte es das heute schon geben. Nicht erst, wenn im Papieri-Areal die ersten Gebäude fertig sind. In der Städtlerallmend gibt es ja ähnliche Angebote, aber leider meines Wissens nur mit festen Mietdauern. Ich bin dankbar für sachdienliche Hinweise!

    • Coworking heisst für mich v. a. auch in Kontakt mit anderen „Branchen“ meinen Horizont erweitern zu können und mehrdimensionaler unterwegs zu sein. Das scheint mir eine zusätzliche Chance dieser Konzepte!

  • Hallo Arno
    Bezüglich „Software“ glaube ich, aus eigener Erfahrung, dass es primär auch eine Sache des individuellen Mindsets ist. Ich muss(te) mich dazu „erziehen“, bewusst das zum geplanten Weg optimal passende Verkehrsmittel zu wählen. Meistens ist es auf der Hardwareseite der ÖV oder das Velo (mit oder ohne Anhänger), manchmal auch der E-Roller (den ich von meiner Tochter „ausleihen“ darf. Manchmal auch das Auto, das bei uns zu Hause allerdings seinem allgemein verdienten Ruf als „Stehzeug“ alle Ehre macht. Gäbe es einen Mobilitystandort in der Nachbarschaft, hätten wir kein eigenes Auto mehr… Hier und im Bezug auf attraktive und sichere Veloverbindungen braucht es m. E. auch eine politische Steuerung, weil Angebot auch Nachfrage schafft. Die Buslinie 42 ist in Cham ein gutes Beispiel dafür. Ihre Frequenzen haben sich entwickelt, weil auf politischem Weg ein attraktiver Fahrplan geschaffen wurde. Durch die Attraktivität gab es Leute, die umgestiegen sind und so hat sich die Linie soweit etablieren können, dass jetzt eine Verlängerung nach Knonau in Reichweite scheint…

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