In der heutigen NZZ vom 4. August 2018 schreibt der liberale Publizist Gerhard Schwarz in der Kolumne „Schwarz & Wirz“ mir einmal mehr aus dem Herzen. Es geht darum, das linke Kreise den Kapitalismus oder den Neoliberalismus für alles Übel in dieser Welt verantwortlich machen.

Ich persönlich bin der Meinung, dass marktwirtschaftlich und liberal organisierte Gesellschaften am erfolgreichsten sind. Warum dies so ist, kann an dieser Stelle nicht behandelt werden. Es lohnt sich aber nur schon ein Blick vom Mond herab auf unsere Welt, um zu sehen, dass dies tatsächlich so ist. Allen vor an pflegt die Schweiz seit jeher ein solches System, welches die Macht breit streut und dem Individuum die Freiheit lässt, sich zu entfalten, Geld zu verdienen und dann Steuern zu bezahlen, damit gewisse Dinge des Gemeinwesens finanziert werden können. Sehe ich dieses Erfolgsmodell in Gefahr? Selbstverständlich! Der Prozess verläuft in der Schweiz schleichend, im Ausland mitunter etwas lauter, wenn man die sukzessive Aufhebung der Gewaltentrennung in den Staaten Osteuropas oder in Teilen von Südamerika beobachtet.

An dieser Stelle möchte ich auch von meiner Seite kundtun, dass ich überhaupt nicht das Gefühl habe, dass der demokratische Kapitalismus ein perfektes System ist. Das System treibt viele Blüten, welche mir überhaupt nicht gefallen, aber ich kenne keine bessere Form, wie sich eine Gesellschaft organisiert.

Hier nun als Gerhard Schwarz‘ sehr schöne, nüchterner Beitrag zu diesem Thema.

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Kapitalismus und Utopismus

Von Gerhard Schwarz

1784 schrieb Immanuel Kant in der «Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht» den berühmten Satz: «Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.» Immer wieder wird man als Vertreter einer liberalen Ordnung mit dem Vorwurf konfrontiert, der «Kapitalismus» sei ein unmoralisches und die Unmoral förderndes System. Manchmal bekommt man das Gefühl, alle Übel dieser Welt bis hin zu Kriegen würden jenem real existierenden Mischsystem aus etwas freien Märkten und ziemlich viel Inter- vention des Staates in das Leben der Menschen und in die Märkte angelastet, das wir fälsch- licherweise «freie Marktwirtschaft» nennen.

Tatsächlich handelt es sich dabei angesichts von Staatsquoten von gegen 50 Prozent, entsprechenden Umverteilungen sowie detaillierten Regulierungen fast aller Lebensbereiche eher um einen Semi-Sozialismus. Gemessen an den stets unter Berufung auf höhere Werte gerechtfertigten totalitären Regimen des Kommunismus und des National-Sozialismus oder vieler feudaler Ordnungen früherer Zeiten leben wir aber doch in einer relativ freien Welt.

Dass in dieser relativ freien Ordnung kaum ein Tag vergeht, an dem uns nicht empörende Meldungen über Selbstbedienung, Gier, Masslosigkeit, Machtmissbrauch, Unehrlichkeit, Betrug, Korruption und noch weitergehende kriminelle Machenschaften erreichen, ist für viele ein Beleg für die moralische Verwerflichkeit des Systems. Aber diese Skandale belegen nur Kants Aussage, dass die Menschen moralisch unvollkommen sind, weshalb eben auch alle menschlichen Institutionen unvollkommen sein müssen.

Die Marktwirtschaft ist also in keiner Weise eine perfekte Lösung für die Probleme der Menschen. Aber jene, die eine perfekte Welt anstreben und permanent an der realen Welt leiden, tappen in die Utopiefalle, die Umerziehungsfalle und die Totalitarismusfalle gleichzeitig. Erstens sind perfekte gesellschaftspolitische Lösungen immer utopisch, zweitens verlangen sie bessere Menschen als die, die die Welt bevölkern, und drittens werden mit ihnen Ideale angestrebt, die, obwohl sie nicht von allen geteilt werden, für alle zur Norm erhoben werden sollen; das zieht unweigerlich die Sanktionierung aller Abweichungen von dieser Norm nach sich.

Vor diesem Hintergrund ist das Erheben des moralischen Zeigefingers gegen die marktwirtschaftliche Ordnung ein Kategorienfehler. Wie der Ökonom Allan Meltzer (1928–2017) in dem leicht lesbaren Buch «Why Capitalism?» (Oxford University Press, 2012) schlüssig darlegt, ist der Kapitalismus nicht verantwortlich für all das, was ohne Zweifel schiefläuft. Verantwortlich sind immer Menschen, vor allem Menschen in Macht­positionen.

Aber während die marktwirtschaftliche Ordnung vom Grundsatz her auf die Zerschlagung und Begrenzung von Macht angelegt ist, zielen sowohl die bereits ausprobierten als auch die vorgeschlagenen Alternativen zu einer marktwirtschaftlichen Ordnung irgendwie immer auf die Bündelung von Macht in wenigen (politischen) Händen. Da es weder theoretische noch empirische Indizien dafür gibt, dass Menschen in öffentlichen Ämtern und in der Politik moralisch besser agieren als in privaten Funktionen, ist es am klügsten, sich mit der bei aller Unvollkommenheit bewährten Ordnung der Marktwirtschaft zu bescheiden.

Das bedeutet zu akzeptieren, dass in einer solchen offenen Gesellschaft fast jegliches Verhalten, jegliche Wertvorstellung, jegliche Wahl einem Teil der Bevölkerung missfällt. Und es bedeutet aufzuhören, die offene Gesellschaft dafür verantwortlich zu machen, dass sie aus fehlbaren Menschen besteht.

Gerhard Schwarz ist Publizist und unter anderem ­Präsident der Progress Foundation.

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