2020 wird sicherlich als das «Corona-Jahr» in die Geschichte eingehen. Die Covid-19-Pandemie ist aber für sich genommen ein Ereignis, ein Schock enormen Ausmasses. Strategisch gesehen interessanter ist aber die Frage, was die Pandemie auslöst. Aus einer hoffnungsvollen Optik kann sie als Abschluss der ersten 20, eher durchwachsenen  Jahre des neuen Jahrtausends in die Annalen eingehen. – Ein Rück- und Ausblick.

Philosophisches Beben

Covid-19 hat einige Prozesse beschleunigt oder verstärkt, welche bereits am Laufen waren. Die Digitalisierung ist eine offensichtliche und aus einer fortschrittsorientierten Optik wohl auch positive Entwicklung. Das Jahr 2020 hat aber auch verschiedene kleinere und grössere antikapitalistische Beben gesehen. Rückblickend ist strategisch ist eine Entwicklung prägend: Die Kritik an der Marktwirtschaft ist zum populären Gemeingut geworden. Nicht nur in der Schweiz, wo Ende November die Unternehmens-verantwortungsinitiative ein Volksmehr von 50.7% erreichte, sondern auch in Horten der Marktwirtschaft wie den USA ist Kapitalismuskritik mittlerweile en vogue. 2019 hat in den USA der Business Roundtable, eine Vereinigung von grossen Firmen aus verschiedenen Branchen, das «Statement on the Purpose of a Corporation» publiziert. Das Dokument schildert den Zweck einer Firma mehr oder weniger im Sinn einer vernünftigen unternehmerischen Haltung schweizerischer KMU-Prägung. Für rechtschaffene Firmen ist es kein Novum, wenn man Mitarbeiter, Lieferanten, die Gesellschaft und die Umwelt mit Respekt behandelt. In den USA hingegen braucht es für diese Erkenntnis – so scheint es – eine dezidierte Organisation und ein öffentlichkeitswirksam publiziertes «Statement». Das Papier wurde als Gezeitenwende beim Selbstverständnis von «Corporate America» gefeiert und in renommierten Journalen und Zeitungen ist im auslaufenden Jahr immerfort darauf referenziert worden. Die Ökonomenkaste hat den Ball aufgenommen und den just vor 50 Jahren von Milton Friedman in der New York Times veröffentlichten Artikel «The Social Responsibility of Business is to Increase its Profits» aus dem Archiv geholt. Friedman schreibt darin beispielsweise, dass nur Menschen Verantwortung haben und deshalb auch übernehmen können. Eine Firma als Kollektiv von vielen unterschiedlichen Individuen mit mannigfaltigen Wertesystemen könne nur seinen Aktionären gegenüber Verantwortung schuldig sein. Er schreibt weiter, dass die Manager einer Firma lediglich die den Aktionären gehörenden Ressourcen wie Geld, Zeit oder Energie ausgeben. Falls es eine «soziale Verantwortung» gebe, sei dies die Verantwortung der Aktionäre, welche mit ihrem Geld – wozu auch ausgezahlte Dividenden gehörten – für sich gemäss ihren Wertevorstellungen wirkliche Verantwortung wahrnehmen können.

Der Diskurs zur Verantwortung von Unternehmen ist damit eigentlich schon vor 50 Jahren angestossen worden, er hat aber erst jetzt die entsprechende Bühne gefunden, weil in den 1970er-Jahren Marktwirtschaftskritik nicht opportun war. Der Kalte Krieg mit einem klaren Gegner und seinem gesellschaftlichen Gegenentwurf spielte sich vor den Augen des Westens ab. Wie wir wissen, mit bescheidenem Erfolg. In den Kommentaren zu Friedmans Artikel schwingt implizit immer wieder auch eine mehr oder weniger offensichtliche Kritik am marktwirtschaftlichen System mit.

[Exkurs: Ich mag das Wort «Kapitalismus» nicht. Einerseits wird es von den Gegnern der nicht perfekten, aber allen anderen Systemen überlegenen Marktwirtschaft meist in einem kritischen Kontext verwendet. Andererseits beschreibt das Wort «Marktwirtschaft» schlicht, was der Kern des Systems ist: Märkte regeln die Verwendung von knappen Ressourcen für die Befriedigung von schier unendlichen irdischen Bedürfnissen.]

Der Schreibende hat festgestellt, dass Friedmans Papier je nach Optik anders interpretiert wird. Aus einer marktfreundlichen Perspektive schildert Friedman nur, was man objektiv als korrekten Sachverhalt anerkennen muss. Für die Gestaltung der Gesellschaft mit seinen Gesetzen, Regeln und Normen sind nicht Firmen als Ansammlung von oftmals anonymen Aktionären geschaffen, noch geeignet, noch legitimiert. Sie haben einen in den Statuten definierten Zweck und sind ihren Aktionären gegenüber Rechenschaft schuldig. Bei Firmen mit einem kleinen Aktionariat und einem Patron oder einer «Matronne» ist dies anders. Hier agieren Prinzipal und Agent in Personalunion – sie entscheiden über ihr eigenes Geld. Vor diesem Hintergrund ist es auch gemäss Friedmans Aufsatz fragwürdig, wenn Blue Chip-Firmen politische Themen aufnehmen und aktiv werden. Aus einer eher weniger marktwirtschaftlichen Perspektive wird hingegen die Meinung vertreten, dass es durchaus Aufgabe von Firmen ist, auch ihr politisches Umfeld zu gestalten. Firmen mit einer nordischen, eher etatistischen DNA üben sich hier nicht in Zurückhaltung.

Spürbare Beben

Von besagten Beben hat die breite Öffentlichkeit keine Notiz genommen. Es sind ja bisweilen philosophische Fragen, welche hier diskutiert werden. Der Diskurs darüber scheint zu komplex, um in Twitter- oder Whatsapp-Meldungen abgehandelt zu werden, aber dafür umso wichtiger und interessanter. The Blue wird es diesbezüglich nicht bei diesen Zeilen bewendet haben lassen.

Aufmerksamen Zeitgenossen sind aber wohl andere Entwicklungen des Jahres 2020 nicht entgangen, welche in unterschiedlicher Ausprägung einen antikapitalistischen Beigeschmack in sich tragen. Am offensichtlichsten zeigt sich dies bei der Diskussion um eine nachhaltige Entwicklung. Wirtschaft und Umweltschutz werden als zwei sich ausschliessende Gegensätze dargestellt. Auch bei anderen, die Welt dieses Jahr mehr denn je bewegenden Themen wie der «Diversity», der personellen Vielfalt ist der Unmut, ja sogar Zorn auf das «System» bisweilen in Kritik an der Marktwirtschaft gemündet. Die «Modern Monetary Theory (MMT)», welche schliesslich besagt, dass ein Land mit einer eigenen Währung eigentlich beliebig davon drucken kann, ist 2020 definitiv salonfähig geworden. Nicht zuletzt deshalb, weil das Konzept von der US-Notenbank FED eigentlich schon über die Salonfähigkeit in die Praxis getragen worden ist. Das FED hat dieses Jahr wieder zig Milliarden US-Dollar gedruckt und den amerikanischen Obligationen-Markt leer gekauft.

Es sind bedenkliche Entwicklungen und Signale, welche hier an die Oberfläche kommen. Die Pandemie wirkt dabei als Katalysator.

Marktwirtschaft ist allerdings nicht das Problem, sondern die Lösung.

Aufgebaute Spannungen

Was ist der Grund dafür, dass es am Ende des Jahres 2020 so scheint, als sei unser künftiger Weg gepflastert mit Ungerechtigkeiten, Unterdrückung und anderen unüberbrückbaren Unwägbarkeiten. Ich sehe drei zusammenhängende Gründe seit dem Jahr 2000:

  1. Die Globalisierung
  2. Das Internet
  3. Die Finanzkrise

Die Globalisierung hat zwar viele Gewinner, aber eben auch eine nicht vernachlässigbare Population von relativen Verlierern geschaffen. Der Handel hat insbesondere Millionen von Menschen in Asien aus der Armut geholt. Handel ist zwar kein Nullsummenspiel, bei dem der Gewinn der einen, der Verlust der anderen ist. Aber er hat sicher zu einer Umverteilung von Arbeit und Wertschöpfung geführt. «Global Sourcing» bedeutet: Es wird (in der Regel) dort produziert, wo es per saldo am günstigsten ist. Und wenn die Transportkosten vernachlässigbar klein sind, kann das in den letzten 20 Jahren eben oftmals in China gewesen sein. Gut für den Genossen Xi in China, nicht so gut für John Doe im mittleren Westen der USA, denn er wurde weder von seinem Arbeitgeber, noch vom Staat auf diesen Wandel vorbereitet. Sein Job wanderte schleichend über die Rockie Mountains und den Pazifik nach Asien.

Mit der Produktion und dem Konsum wurde auch die Regulierung globalisiert. Unter dem Übertitel «Konsumentenschutz» wurden beispielsweise in den vergangenen Jahren in vielen Branchen Regulierungshürden aufgezogen, welchen es nur Firmen mit einer kritischen Grösse erlaubt, überregional tätig zu sein, ohne nicht immer mit einem Bein vor Gericht zu stehen. Der Effekt ist klar: Der Zwang zur Grösse schafft in vielen Bereichen Konzerne, denen als normaler «Gewerbler» fast nicht mehr beizukommen ist. Man schützt die Konsumenten also vor jeglicher Unbill und provoziert so Monopole. Besonders ausgeprägt ist die Entwicklung bei der Informationstechnologie und in der Finanzbranche. Mehr Regulierung führt also zu einer Verarmung der unternehmerischen Vielfalt und beschleunigt den Strukturwandel hin zu internationalen, dominierenden und anonymen Konzernstrukturen, denen oftmals die lokale Verankerung fehlt.

Die Globalisierung per se würde nicht für globale Spannungen sorgen, wäre sie nicht durch einen gleichzeitig auftretenden Katalysator mit einem Turbolader versehen worden: Dem Internet. Das Internet hat die Kommunikation zeit- und ortsunabhängig gemacht. Es hat Wirtschaftssubjekte miteinander verbunden und die Welt zu einem Dorf gemacht. Es hat die Konsumenten emanzipiert. Wer Lust hat, kauft sich in China ein paar Badehosen für ein paar Dollar und Aliexpress liefert sie gratis ins Entlebuch. Der lokale Sportartikelhändler ist zwar ein geschätzter Sponsor für den Sportverein, aber das Geschäft macht ein anderer. Globale Liefer- und Produktionsketten seien Dank.

Die technischen Möglichkeiten des Internets haben darüber hinaus eine Art von Geschäftsmodell geschaffen, welches bisher höchstens im Medienbereich bekannt war: Die Plattformökonomie mit einer noch nie dagewesenen Skalierbarkeit des Geschäfts. Zusätzliche Nutzer können ohne nennenswerten Kosten eine Dienstleistung nutzen, bezahlen aber – je nach Geschäftsmodell – einen Preis. Die neu entstandenen Internetgiganten nutzen dabei clever sogenannte Netzwerkeffekte: Sowohl für die Anbieter, als auch für die Nutzer ist es rational, auf bestehenden Netzwerken aufzubauen. Der Trick der Anbieter dabei: Sie machen die Services gratis. Möglich ist dies auch, weil sie oftmals sehr viel Venture Capital im Rücken haben. Die Devise lautet: Etabliere mit sehr viel Geld ein System, welches dominant ist. Warte bis die Konkurrenten aufgeben. Ein gutes Beispiel dafür ist der Online-Händler Zalando. Auf diese Weise sind globale, monopolartige «Winner-take-all»-Märkte entstanden, denen lokale Anbieter in der Regel nichts entgegenzusetzen haben, da sie nicht über das notwendige Kapital verfügen, um nach dem Versuch-Irrtums-Prinzip Millionen ins Marketing und den Aufbau einer Marke zu investieren.

Nun kann man den Anbietern ja keinen Vorwurf machen. Sie und ihre Kapitalgeber versuchen, neue Wege zu gehen und riskieren dabei, ihr Geld zu verlieren. Wer bei diesem Prozess die Schumpeter’sche «Schöpferische Zerstörung» bedauert, muss sich vergegenwärtigen, dass ein Angebot immer auch eine Nachfrage braucht, wenn es ein Markt werden soll. Der deflationäre Effekt der Globalisierung hat seine Ursache darin, dass Herr und Frau Schweizer – emanzipiert durch das Internet – ihr sauer verdientes Geld dort ausgeben, wo aus ihrer Sicht Preis und Leistung am vorteilhaftesten sind. Und neuerdings ist dies nicht mehr im eigenen Dorf, sondern im virtuellen Raum. Man mag die harten Zeiten für lokale Händler bedauern, die Bequemlichkeit und die gestiegenen Ansprüche der Kunden haben auch wesentlich dazu beigetragen. Obwohl die Löhne in der Schweiz seit 2020 real mindestens gleich geblieben sind, sind die Preise für Konsumgüter stetig gesunken. Die Beschaffung ist internationaler geworden und viel Wertschöpfung ins Ausland abgewandert.

Der dritte Faktor schliesslich, der zu einer vergangenen Dekade mit bröckelndem sozialen Zusammenhalt geführt hat, ist die Finanzkrise sowie deren Aufarbeitung. Einerseits hat die Krise selbst das Image des Finanzwesens arg in Mitleidenschaft gezogen. Dass zumindest in den USA auch erhebliches Staatsversagen (Fannie Mae & Co.) zur Malaise beigetragen hat, war, ist und wird wohl kein Thema mehr werden. Ob man daran glaubt, dass die seit 2008 in die Märkte gepumpte Notenbank-Geldmenge einen Effekt auf die Finanzmärkte gehabt hat, oder nicht: Die Börsenentwicklung seit 2009 hat diejenigen begünstigt, welche sich im Aktienmarkt engagieren konnten. Wer dazu nicht in der Lage war, schaut mit Argwohn auf die Glücklichen. Die grossen Gewinner sind seit dem Ausbruch der Corona-Krise klar: Anbieter von Informationstechnologie. Die Kluft zwischen den Wohlhabenden und dem Rest ist grösser geworden. Gesellschaftspolitisch ist dies brandgefährlich und der potentielle Impuls für weitere Beben und Eruptionen.

All die oben genannten Entwicklungen sind dank den «Social Media» nicht unter der Oberfläche geblieben. Ganz im Gegenteil. Social Media schaffen Parallelwelten von Politikern, Aktivisten, Empörten und Journalisten, die sich in ihren «Filterblasen» ihre Narrative herausfiltern. Dies Narrative sind dann oft, was die öffentliche Diskussion bestimmt. Das Gefährliche dabei: Weil die Mitglieder von Twitter-Blasen von der Empörung in ihrem «Identitäts-Cocon» auf die generelle Stimmung in der Bevölkerung schliessen, wird letztere künstlich aufgeheizt. So schaffen es skandalisierte Themen auf die Frontseiten von Zeitungen und Online-Portalen, welche das Gros der Gesellschaft nicht als Problem oder nicht im gleichen Mass, wie die Schreibende Zunft, als Problem wahrnimmt. Die Themen dominieren sodann die politische Diskussion und Agenda, währenddem Herr und Frau Schweizer oder John Doe ganz andere Sorgen haben. Dies fördert nicht nur die politische Polarisierung, es führt auch zu einer Entfremdung zwischen den Gestaltern der Gesellschaft und den Bürgern.

Am Ende des Pandemie-Jahres 2020 kann also festgestellt werden:

  • Die wirtschaftliche Polarisierung, das Auseinanderklaffen zwischen globalen Konzernen und lokalen KMUs bezüglich Position und Befindlichkeit ist so gross, wie wohl noch selten. Sie wurde durch die Pandemie sogar noch beschleunigt und auf die Spitze getrieben. Auch die Kluft zwischen den Vermögensklassen ist grösser geworden.
  • Die politische Polarisierung war zu Beginn der Pandemie so gross, wie wohl noch selten in der Geschichte. Die Seuche hat fürs Erste die moderaten Kräfte, gleichzeitig aber auch Zentralisierung gestärkt. Politische Positionen aus dem Zentrum führen mittelfristig zu stabileren Verhältnissen, Zentralisierung jedoch nicht.

Erdbebensicherheit

Mathematisch beginnt das neue Jahrzehnt ja erst am 1. Januar 2021. Man kann das Jahr 2020 deshalb den realwirtschaftlich eher durchzogenen ersten beiden Jahrzehnten des neuen Jahrtausends zuordnen. Wir werden daraus gewisse «Transitorische Passiven», als Altlasten mit ins neue Jahrzehnt nehmen. Es bringt jedoch nichts, wenn dieses in Demut und Hoffnungslosigkeit in Angriff genommen wird. Es gibt verschiedene Ansatzpunkte für eine gesellschaftliche «Erdbebensicherheit» und Gründe, optimistisch zu sein.

«Economic Diversity» – Den Allerweltsbegriff «Diversität» übersetze ich als Vielfalt. Die Welt braucht mehr wirtschaftliche Vielfalt. Vielfalt, Diversität macht Systeme resistenter, stabiler. Seit diesem Jahr kennt die Öffentlichkeit den bislang nur einer kleiner Gruppe Intellektueller bekannten Term der «Resilienz». Kleinräumige Systeme, die untereinander in Konkurrenz stehen, erzeugen im Endeffekt Stabilität. Es ist, was der bekannte Autor Nassim Taleb «Antifragilität» nennt. In der Schweiz kennen wir dieses Prinzip als Föderalismus – die Führung von unten. Konsumenten und Produzenten können die wirtschaftliche Vielfalt fördern, indem sie sich vermehrt lokal engagieren.

Braucht es dazu auch den Staat? Nicht unbedingt. Im Gegenteil.

Weniger Regulierung – Es hilft der Wirtschaft schon, wenn ihr der Staat nicht Steine in den Weg legt. Immer mehr Bereiche unseres Lebens werden reguliert und bürokratisiert. Regulierung muss das Funktionieren der Märkte gewährleisten, aber sie darf nicht Konsumenten davor schützen, Fehler zu begehen. Damit dies nicht passiert, gibt es einen weiteren Schlüssel: Mündige Bürger.

Wirtschaftliche Bildung – Mündige Bürger müssen vom Staat nicht an der Hand genommen werden. Wer kritisch denken kann und grundlegenden ökonomischen Sachverstand besitzt bildet sich seine Meinung selbst. Er wird nicht von übermächtigen Konzernen über den Tisch gezogen und getraut sich, das «Experiment» zu wagen, auf lokale Anbieter auszuweichen.

«Glokale» wirtschaftliche Balance – Es braucht ein austariertes Gleichgewicht zwischen lokaler und globaler Wirtschaft. Das «System Schweiz» zeichnet sich durch ein gleichzeitig global und lokal ausgerichtetes, «glokales» Modell aus. Da ist einerseits die Basis unserer Wirtschaft, der Schweizer Gewerbler, der mit Qualität, Innovation und Mut Löhe bezahlt, Gewinne erzielt, moderate Steuern bezahlt und ab und zu lokale Institutionen, Vereine oder sonstige Gruppierungen unterstützt. Und es braucht den internationalen Konzern, der der globalen Konkurrenz ausgesetzt ist und dadurch Entwicklungen aufnimmt und so auch zu einem Wissenstransfer zwischen der Schweiz und der Welt beiträgt. Die «glokale Balance» braucht es auch beim Konsum.

Politische Mässigung – Überall auf der Welt ist eine gewisse Globalisierungsmündigkeit spüren. Der weltweit aufkommende Populismus seit 2015 ist nichts anderes als ein Ventil für Entwicklungen, welche bei grossen Teilen der Bevölkerung Unbehagen auslöst. In der Schweiz war man sich dieser Entwicklung lange nicht bewusst, weil hier das Volk seine Meinung im Quartalsrhythmus kundtun kann. Im Kochtopf entsteht bildlich geschrieben gar nicht erst ein derartiger Überdruck, dass es dem Topf den Deckel lupft.

Vier Jahre nach dem Brexit und Donald Trumps Wahl scheint die Politik die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Und – das ist entscheidend – die Wähler kaufen es den Politikern auch wirklich ab, dass sie sich für sie einsetzen werden. Solange die Politik nicht glaubhaft handelt, sondern Worten keine Taten folgen lässt, ändern die Wähler ihr Verhalten nicht. Es ist zu hoffen, dass die Pandemie dieser Entwicklung Vorschub leistet und wieder gemässigtere Politiker ans Ruder kommen. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass im politischen Prozess das Beharren auf Extrempositionen nur Blockaden schafft. In der Schweiz ist dieses Phänomen weniger ausgeprägt, da alle politischen Kräfte eingebunden sind. Das unsägliche Hin-und-Her bei der Reform der Altersvorsorge bestätigt aber die obige These und beweist, dass die Schweiz nicht davor gefeit ist.

Technologie – Bislang haben neue Technologien vor allem den Konsumenten das Leben einfacher gemacht, aber die Produktivität der Arbeitskräfte hat nicht den erhofften Sprung gemacht, wie man sich dies 2000 noch erhofft hatte. Man kauft neuerdings online ein und verbringt seine Zeit in den «Social Media». Alltägliche Prozesse sind digitalisiert worden und die Leute treffen sich nicht mehr persönlich, sondern chatten auf Distanz. Facebook ist der neue Dorfplatz respektive die virtuelle Version des «Nüni-Stamms» im Tea Room nebenan. In Zeiten der Pandemie eine gute Sache, grundsätzlich aber fördert dies das Gemeinschaftsgefühl nicht sonderlich. Die Corona-Pandemie könnte aber der Auslöser sein, dass Technologie endlich von einer breiten Masse angewendet wird und gewisse Applikationen die kritische Anzahl «User» erreichen. Es würde nicht überraschen, wenn sich nun mehr Firmen einen Ruck geben und ihr gehortetes Geld wieder vermehrt in Forschung und Entwicklung investieren und so bislang «schlafenden» Technologien wie der künstlichen Intelligenz den Weg für eine breitere, nützlichere Anwendung ebenen würden.

«The Prudent Twenties»

Wer sich durch die Pandemie eine Zähmung des bisweilen grassierenden Hedonismus’ erhofft hat, könnte sich mittelfristig enttäuscht sehen.

Es braucht nicht gerade die Wiederholung der durch Dekadenz geprägten «Roaring Twenties» zu sein, aber wenn ein Jahrhundert später die Aufbruchstimmung dieser Kurzepoche nur ansatzweise um sich greift, ist dies Grund für Optimismus. Die kommenden, abgeklärten «Prudent Twenties» dieses Jahrhunderts werden nicht wieder das Jahrzehnt Amerikas, sondern Chinas sein. Das Riesenreich geht gestärkt aus der Pandemie hervor, welches es massgeblich mitverursacht hat. Dies gilt es, in Auge zu behalten, wenn wir aus den «Trümmern der Coronakrise» unsere Zukunft formen.

Was es in Wirtschaft und Politik nun braucht ist ein gerüttelt Mass an Einsicht für eine nachhaltigere Entwicklung, Unaufgeregtheit zum Erkennen der wahren Probleme und das Skizzieren der Lösungen sowie schliesslich viel Geduld in der Umsetzung globaler und lokaler Pläne. Denn eines ist klar: Einige antikapitalistische Beben und Ausschläge auf dem Seismografen müssen dankbar als Vorbeben und Warnung verstanden werden.

Eine tektonische Verschiebung aber können wir uns nicht leisten.

(Dieser Artikel ist am 21. Dezember 2020 erstmals auf der Web-Seite der Firma The Blue GmbH, www.theblue.ch, erschienen.)

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