Als Vater dreier schulpflichtiger Kinder ist das Bildungswesen für mich ein sehr wichtiges Thema, welches ich politisch seit einigen Jahren verfolge. Wir haben das Glück, dass unsere Kinder in Cham eine sehr gut geführte Schule besuchen dürfen.

Aufgrund der eigenen Erfahrungen, meiner Arbeit als Leiter der Arbeitsgruppe Bildung sowie verschiedener Gespräche mit anderen Eltern, Vertretern des Gewerbes oder des Bildungswesens habe ich in den letzten Jahren ein Bild unserer öffentlichen Schulen erhalten, welches mittlerweile auch durch zahlreiche Publikationen in Zeitungen geschärft wurde.

Da ich nicht von uns auf die Allgemeinheit schliessen möchte, habe ich vorgängig zu diesem Kommentar eine Online-Umfrage erstellt und per E-Mail und Facebook gestreut. Erfreulicherweise sind 23 Eltern meinem Aufruf gefolgt und haben ihre persönliche Meinung zu verschiedenen Fragen zur Volksschule – zur 1. bis zur 9. Klasse – abgegeben.

Von Wissen zu Kompetenzen

Aus meiner Sicht hat in den letzten Jahren das Vermitteln von „Kompetenzen“ das Vermitteln und Aneignen von Wissen etwas verdrängt. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Nur ist der Begriff „Kompetenz“ relativ schwammig und er kann beliebig mit Begriffen aus der Pädagogik kombiniert werden, um so eine für Aussenstehende fast nicht mehr zugängliche Welt zu schaffen. Wie ich sind die meisten Teilnehmenden der Umfrage (22 Personen resp. 95%) der Meinung, dass die Kernaufgabe der Volksschule die Vermittlung von Wissen ist. Die Vermittlung von Methodenkompetenz und die Bildung von sozialen Kompetenzen wird von jeweils 15 Personen (65%) auch als wichtig beurteilt. Immerhin: Die Vermittlung von Wissen ist nach wie vor die unbestrittene Hauptaufgabe der Schule. Hier bin ich also nicht alleine.

Bei der Frage, ob die Volksschule ihre Kernaufgabe erfülle, sagten 13 Umfrageteilnehmer (56%) „eher ja“. „Eher nicht“ war das Verdikt bei 5 Personen (22%). Aus meiner Sicht ist dies kein überzeugendes Resultat. Was mir persönlich auffällt, ist, dass man „es“ in den letzten Jahren nicht mehr so genau nimmt. Von verschiedenen Eltern aus unterschiedlichen Kantonen wurde mir berichtet, dass die Kinder beispielsweise ab und zu fehlerhafte Aufgabenblätter nach Hause bringen.

Als die wichtigsten Fächer werden – fast unisono – Deutsch (Lesen & Schreiben), Mathematik, Fremdsprachen, Mensch und Umwelt, Sport und „Musik & Zeichnen“ sowie „Handwerkliches Gestalten“ in dieser Reihenfolge bezeichnet. Dies entspricht ungefähr der aktuellen Stundentafel für die 5. Klasse im Kanton Zug.

Hausaufgaben versus Beruf

Einen Eindruck, welchen ich in Gesprächen mit Eltern aus verschiedenen Kantonen erhalten habe, ist, dass die Eltern im Vergleich zu früher viel mehr Zeit für die Begleitung der Kinder bei den Hausaufgaben aufwenden müssen. War es zu meiner Zeit – also in den 1980-ern – üblich, dass ein Elternteil ab und zu ein paar Mathematikaufgaben kontrolliert hat, so müssen Eltern mittlerweile erheblich mehr Zeit aufwenden, um ihre Sprösslinge genügend gut zu begleiten, ohne das Gefühl haben zu müssen, dass man eine Rabenmutter oder ein Rabenvater sei. Ganz zu schweigen vom unguten Gefühl, für den schulischen Erfolg des Kindes nicht genug getan zu haben. Dieser Eindruck wird durch meine Umfrage bestätigt. Die meisten Eltern (12 resp. 52%) wenden pro Kind 1-3 Stunden pro Woche auf. Weitere 30% (7 Eltern) brauchen 3-5 Stunden pro Kind. Beim gleichzeitigen Trend hin zu mehr Kindern, bedeutet dies für die Eltern einen erheblichen zeitlichen Aufwand, welcher zulasten der Haus- oder Berufsarbeit geht. Mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht es insofern nicht zum Besten. So sind denn auch über 60% der Eltern aus diesen oder anderen Gründen der Meinung, dass die Schule darauf nicht (39%) oder eher nicht (21%) Rücksicht nimmt.

Rund 60% der Eltern finden, dass die Kinder auf das selbständige Erledigen der Hausaufgaben gut vorbereitet sind, das Vorwissen und die anzuwendenen Methoden also vorhanden sind. Die restlichen 40% der Antwortenden haben aber das Gefühl, dass es teilweise mit der Klarheit der Aufträge und dem notwendigen Vorwissen hapert. Das den Kindern zugemutete Pensum an Hausaufgaben wird gemischt beurteilt: Rund 56% der Eltern finden, dass dies „gerade richtig“ sei. Fast 40% sind hingegen der Meinung, dass es „eher zu viel“ ist.

Ein aus meiner Sicht problematischer Befund wird durch meine „Privatumfrage“ bestätigt: 70% der Eltern geben an, dass die Lernziele klar sind, der Prüfstoff aber (zumindest teilweise) zu Hause erarbeitet werden muss. Hierbei werden ganz klar Schülerinnen und Schüler aus eher „bildungsfernen“ Schichten benachteiligt. Gemäss dem aus liberaler Warte sehr wichtigen Prinzip der Chancengleichheit darf dies nicht so sein.

Schliesslich äussert sich die Mehrheit der Eltern positiv zur „Individuellen Förderung“. Allerdings sind fast 40% der Befragten der Meinung, dass diese während der regulären Schulzeit, und nicht in Früh- oder Spätstunden stattfinden sollte. Aus der Warte der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist dies eine wichtige Aussage, denn Früh- und Spätstunden untergraben in nicht planbarer Weise die Blockzeiten.

Tendenz zur Normierung

Eine Entwicklung, zu welcher ich keine Umfrage gemacht habe, welche jedoch auch durch zahlreiche Gespräche bestätigt wird, ist die zunehmende Tendenz zur Normierung. In Zeiten von Diversity verkommen die Elterngespräche zusehends zu psychologischen Sprechstunden, in welchen diskutiert wird, inwiefern das Kind von der Norm abweicht und welche „Massnahmen“ dazu ergriffen werden sollten. Im Fachjargon heisst das dann, dass das Kind „an sich arbeiten“ muss. Nur:

Wer sagt denn, dass wir normierte Kinder wollen?

Wer bestimmt, was die Norm ist? Und: Hatten wir zu Beginn der Analyse nicht festgehalten, dass der Kernauftrag der Schule darin liegt, unseren Kindern Wissen zu vermitteln? Werden die Kinder durch diese Normierungstendenzen nicht stigmatisiert, weil ihnen das Gefühl vermittelt wird, sie als Personen seien nicht in Ordnung?

Wenn die Noten zur Nebensache werden, liegt aus meiner Sicht der Fokus am falschen Ort.

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