In der Erdölindustrie gibt es den Begriff „Peak Oil“. Er beschreibt die Tatsache, dass eines Tages das globale Produktionsmaximum an Erdöl erreicht sein wird und anschliessend die Erdölproduktion stetig abnimmt, bis es kein Erdöl mehr gibt. Die Leute streiten sich seit Jahren, ob wir diesen „Peak“ bereits hinter uns haben, oder ob wir ihn noch vor uns haben. Meines Wissens nehmen die global registrierten Erdölvorräte noch zu. Wie auch immer. Das ist sicherlich gut so, denn wir werden in den nächsten 50 Jahren ohne fossile Brennstoffe nicht auskommen. Auch wenn uns gewisse „Experten“ im Bundesamt für Energie das Gegenteil weismachen wollen. Alternative Energien werden bis auf weiteres ein Mauerblümchendasein fristen. Dazu ein anderes Mal.

Aufgrund verschiedenster Beobachtungen in den letzten zwei, drei Jahren bin ich zur Erkenntnis gekommen, dass wir auch in der IT einmal einen „Peak“ erreichen werden. Den Peak definiere ich als den Zeitpunkt, ab dem jeder weitere, zusätzliche Einsatz von IT für unser Leben einen abnehmenden Grenznutzen hat.  Das Grenznutzen-Konzept stammt aus der Volkswirtschaftslehre und bezeichnet das Phänomen, dass ab einem gewissen Punkt der Mehrnutzen von zusätzlichem Input abnimmt. Das einfachste Beispiel finde ich nach wie vor die Übungsanlage einer Stange Bier. Was einem nahe ist, zieht man gerne für Analogien heran. Es ist kein Geheimnis, dass man als Student – sprich: wenn man solche Konzepte lernt – zum Bier eine besondere Beziehung hat. So war es in der Praxis auch bei mir. Zurück zur Theorie.

Die Freude, welche man aus einer Stange Bier schöpft, nimmt mit jedem Bier ab.

Ist erst einmal der Durst gelöscht und die Welt verbessert, kann es beim Bier vorkommen, dass der Grenznutzen ab Bier X negativ wird. Man kennt das Phänomen – auch vom Wein oder allgemein vom leiblichen Wohl. Da ich nicht ausschliessen kann, dass dieser Text irgendwann einmal von einem Beamten eines fürsorglichen Bundesamtes gelesen wird, lasse ich es bei diesen Erläuterungen sein. Freuen wir uns, dass der Konsum von Bier und Wein immer noch legal sind!

Wenn ich mir nun die Welt und die immer wichtigere Rolle von IT betrachte, muss ich sagen, dass in gewissen Bereichen des Lebens der Grenznutzen von IT wohl sicher nicht mehr zunimmt, da zusätzliche IT und Vernetzung zu einer erhöhten Komplexität, Unsicherheit bezüglich Daten und Datenverwendung und – so paradox es klingt – auch zur Abnahme der Produktivität führt. Einerseits verschwenden wir immer mehr Zeit mit dem Management von Daten, welche nicht von Relevanz sind und andererseits werden wir durch die IT und zahlreiche Applikationen von unserer Arbeit und Freizeit abgelenkt. Wir verlagern immer mehr Lebensbereiche ins Reich der IT oder irgendwelche Clouds.

Unser Leben wird dadurch verletzlich, unberechenbar und unpersönlicher.

Jedes neue System bringt wieder neue Schnittstellen mit sich, welche gepflegt werden wollen und sollen. Das ist nicht nur teuer, sondern auch ineffizient. Ich bin davon überzeugt, dass wir irgendwann am Punkt angelangen, wo wir unsere Abhängigkeit von der IT reduzieren wollen. Bei mir persönlich ist dieser Punkt noch nicht gekommen. Aber er naht.

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  • Vielen Dank für die interessanten Gedanken. Ich kann verstehen, dass der technologische Fortschritt viel verändert und Veränderung macht Angst.
    Wir stehen aber erst am Beginn der technologischen Revolution.

    Als dynamischer, wirtschaftsliberaler Politiker würde ich die beschriebene Position überdenken. Bereits jetzt radieren disruptive Geschäftsmodelle (hauptsächlich aus den USA) schweizer Arbeitsplätze aus. Wir täten gut daran, digitale Innovation massiv zu verstärken und unseren Bürgern die Digitalisierung näher zu bringen. Sonst lautet einer Ihrer nächsten Artikel: Peak Swizerland

    • Arno Grüter sagt:

      Grüezi Herr Müller

      Danke für Ihre Antwort. Es ist ja nicht so, dass ich nicht It-affin bin. Ich zweifle jedoch, ob in der IT immer alle alles im Griff haben. Mittlerweile sind alle Systeme so vernetzt, dass es lethal sein kann, wenn nur einer seinen Job nicht sauber macht. Je mehr IT wird haben, desto mehr Sicherheit müssen wir haben. Und absolute Sicherheit gibt es nicht. Das schwächste Glied ist immer der Mensch. Und hier zeige Beispiele, dass im wahrsten Sinne des Wortes am Ende des Tages „bloss“ weibliche Reize reichen, um ein System zu „knacken“.

      Noch was zu den disruptiven Geschichten, welche jetzt in aller Munde sind (insbesondere in den letzten Monaten ist der Begriff plötzlich überall erschienen). Disruption ist überhaupt nichts neues. Nur haben ein paar findige IT-Köpfe begonnen, sie sozusagen als „Drohung“ an die Wand zu malen. Es ist doch ganz einfach: Wenn Sie kleine Einstiegsbarrieren in ein Business haben, kann die IT helfen, diese Barrieren schnell runterzureissen. Beispiel: Uber. Es stellt sich deshalb nicht so sehr die Frage nach der IT sondern nach der Marktstellung und den „Barrieres to Entry“. Hier wiegen sich zu viele Firmen in Sicherheit – nicht zuletzt auch Banken.

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