In den letzten Jahren hat sich ein neues Phänomen entwickelt. Ich nenne es «Schlagzeilen-Moral». Schlagzeilen-Moral ist die Tatsache, dass natürliche oder juristische Personen aufgrund von Schlagzeilen in klassischen oder Online-Medien ihr Verhalten ändern. Der Meccano ist immer der gleiche: Man lebt friedlich in den Tag und die Zeit hinein, ohne das Gefühl zu haben, etwas moralisch Verwerfliches zu tun. Man fährt mit dem Auto ins Einkaufszentrum, kauft dort für das Dessert ein Pack Mohrenköpfe, sammelt die Märkli, mit denen man mit der neuesten Aktion des Detailhändlers herzige Plüschtiere beziehen kann und bucht im Reisebüro Ferien auf einer Insel.

Dann passiert es. In Schweden macht ein Mädchen einen Sitzstreik, um gegen die Klimaerwärmung streiken. Die Story wird von einem findigen PR-Berater an die Medien getragen und sie verbreitet sich «viral» (heutzutage schreibt man: die Story «geht» viral, wohin, bleibt das Geheimnis des Schreibers). Was sich im Sommer 2017 bereits gehört hat – die Umwelt nicht übermässig zu belasten, um auch der Erderwärmung vorzubeugen –, aber ausser ein paar Klima-Aficionados niemanden interessiert, wird im Herbst 2018 plötzlich das dominierende Thema in der Öffentlichkeit. Massen werden aktiviert und empören sich. Was dann kam, ist bekannt. Leute gaben sich umweltfreundlich. Die Umweltzerstörung war aber schon da und ein bekanntes Phänomen. Aber es gab ein neues Narrativ, welches gute Schlagzeilen hergab.

Seit Jahrhunderten funktioniert nirgends auf der Welt das Zusammenleben zwischen «Schwarzen» und «Weissen» so, wie man es sich wünschen würde. Immer wieder gibt es Unruhen oder Konflikte. Im Kleinen, wie im Grossen. Rassismus ist allgegenwärtig. Er richtet sich gegen Schwarze, Asiaten, Weisse, Juden, Muslime, Christen und viele mehr. Er hat die Geschichte und auch das 20. Jahrhundert stark geprägt. Aber er ist nicht aus der Welt zu schaffen. Auch nicht mit Gesetzen dagegen. So kommt es, dass in vielen Teilen der Welt akzeptiert wird, dass es ihn gibt und man damit leben muss, weil er in der Natur des Menschen verankert ist. Am 25. Mai dieses Jahres wurde in den USA der Afroamerikaner George Floyd von einem Polizisten sadistisch umgebracht. Der Rassismus war schon da und ein bekanntes Phänomen. Aber es gab ein neues Narrativ, welches gute Schlagzeilen hergab.

Umweltschutz und Rassismus sind nur zwei Beispiele von Schlagzeilen-Moral. Schlagzeilen-Moral ist nicht ehrlich. Sie mobilisiert Leute, welche sich für ein Thema nur interessieren, weil die Empörung ein gruppendynamisches Phänomen ist.

Die wahren «Aktivisten» setzen sich für ein Anliegen ein, ohne dass es in den Medien über Tage thematisiert wird.

Sie sind die wahren Helden. Nicht die tausenden von Mitläufern, welche auf den fahrenden Zug aufspringen und sich über etwas empören, bis ein spannenderes Narrativ auftaucht.

Was mich an der Schlagzeilen-Moral stört, ist die Tatsache, dass sie aufgrund der neuen Medien rasch und unkontrollierbar «die Masse» bewegt – und manipuliert. Was in solchen Fällen passiert hat Gustave Le Bon 1895 in seinem Werk «La psychologie des foules» (in Englisch: «The Crowd – A Study of the Popular Mind») sehr treffend beschrieben. «Die Masse» nimmt absolute, ja fast religiöse Züge an, welche Andersdenkende als amoralisch darstellen und ausgrenzen. Für mich sind solche Entwicklungen letzten Endes eine Gefahr für die Demokratie, denn in einer Demokratie wird mit Argumenten für die Gestaltung unserer Gesellschaft gerungen.

Ich sehe nur einen Weg aus dieser gefährlichen Entwicklung. Unsere Bildungsinstitutionen müssen junge Menschen befähigen, sich mit kritischem Denken eine Meinung zu bilden. Und diese Meinung muss durch den Schutz des Rechtes auf freie Meinungsäusserung den Weg in den Diskurs finden.

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